
Die Psychologie der Börse
Am Aktienmarkt werden die Anteilsscheine kapitalschwacher und mit Verbindlichkeiten überladener Unternehmen oftmals zu Höchstpreisen gehandelt. Dagegen werden zeitgleich die Aktien von soliden Gesellschaften mit starken Bilanzen und erwiesener Ertragskraft scheinbar in Wäschekörben an die Börse getragen. Um dies zu verstehen ist es notwendig, für einen Moment die mit der Börse einhergehenden Begleiterscheinungen, die im Sekundentakt zu veränderten Aktienkursen führen, auszublenden. Danach lässt sich die Börse als das erkennen, was sie tatsächlich ist. Nämlich ein Handelsplatz für Käufer und Verkäufer von Anteilen im täglichen Wettbewerb stehender Unternehmen. Unter diesem Blickwinkel erscheint es ziemlich unverständlich, dass an der Börse Investoren bereit sind, für eine Firma den sechzigfachen Jahresgewinn oder das zwanzigfache ihres Umsatzes zu bezahlen, so wie es auf dem Höhepunkt der Internetblase gegen Ende der 1990er Jahre nicht unüblich war.
Beispiel: Apple Computer
Auf der anderen Seite kommt es an der Börse von Zeit zu Zeit vor, dass Unternehmen zu Preisen verkauft werden, die etwa der Höhe ihrer bilanzierten Bargeldbestände entspechen. Dadurch bekommt der Käufer das eigentliche Geschäft geschenkt. Beispielsweise wurden die Aktien von Apple Computer im April 2003 zu einem Börsenkurs von etwas über 13 Dollar gehandelt. Zur selben Zeit verfügte das Unternehmen über bilanzierte Barmittel von rund 12 Dollar je Anteil. Das Geschäft mit Personal Computern konnte über die Börse also für einen Betrag von lediglich 1 Dollar je Aktie erworben werden. In der Realität würde kein Unternehmer seine Firma zu einem derart niedrigen Preis verkaufen. An der Börse geschehen diese Dinge allerdings in regelmäßigen Abständen. Leider werden Sie solche Gelegenheiten niemals unter den einschlägigen Börsentipps finden.
Beispiel: Warren Buffett
Nach dem Börsencrash zu Beginn der 1970er Jahre konnte Warren Buffett, der erfolgreichste Investor des 20. Jahrhunderts, beispielsweise seinen heute noch von ihm gehaltenen Anteil an der Washington Post Company erwerben, als die Börse das gesamte Unternehmen mit 80 Millionen Dollar bewertete. Demgegenüber ergab eine fundamentale Analyse des zugrundeliegenden Zeitungsgeschäfts einen Wert von mindestens 400 Millionen Dollar. Genau zu jener Zeit legte Warren Buffett die Grundlage seines heutigen Wohlstandes, der hauptsächlich durch die wertorientierte Kapitalanlage mit Aktien entstanden ist. Somit sollte sich der Anleger insbesondere für die private Altersvorsorge nicht ausschließlich auf die staatlich geförderten Produkten verlassen, sondern sich verstärkt mit den sich an der Börse bietenden Chancen auseinandersetzen.